Bradford-Hill- und Susser-Kriterien
Epidemiologische Kriterien zur Prüfung kausaler Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge in der Medizin und Umweltforschung. Die Bradford-Hill-Kriterien (1965) umfassen 9 Leitlinien (wie Stärke, Konsistenz, Dosis-Wirkung und biologische Plausibilität). Mervyn Susser erweiterte und strukturierte diese zur systematischen Kausalitätsprüfung bei komplexen Multi-Faktoren-Erkrankungen.
Wenn in der Wissenschaft diskutiert wird, ob ein beobachteter statistischer Zusammenhang (z. B. zwischen einer Umweltbelastung und bestimmten Krankheiten) tatsächlich ein ursächlicher (kausaler) ist, greift man auf etablierte Kriterienkataloge zurück.
Die bekanntesten davon sind die Bradford-Hill-Kriterien sowie deren Weiterentwicklung und Systematisierung durch den Epidemiologen Mervyn Susser.
1. Die Bradford-Hill-Kriterien (1965)
Der britische Statistiker Sir Austin Bradford Hill stellte 1965 neun Kriterien auf, die als Leitfaden (keine starren Gesetze) dienen, um von einer statistischen Korrelation auf eine echte Kausalität zu schließen:
- Stärke der Assoziation (Strength): Je stärker der statistische Zusammenhang zwischen Exposition (z. B. EMF) und Krankheit ist, desto wahrscheinlicher ist er kausal.
- Konsistenz (Consistency): Der Befund wurde in verschiedenen Studien, von unterschiedlichen Arbeitsgruppen und an verschiedenen Populationen repliziert.
- Spezifität (Specificity): Eine Ursache führt zu einer bestimmten, klar abgegrenzten Wirkung (in der modernen Epidemiologie oft relativiert, da viele Umweltfaktoren multisystemische Wirkungen haben können).
- Zeitlicher Zusammenhang (Temporality): Die Ursache muss der Wirkung zwingend zeitlich vorausgehen.
- Dosis-Wirkungs-Beziehung (Biological Gradient): Mit steigender Dosis oder längerer Dauer der Exposition nimmt das Risiko oder die Schwere der Erkrankung zu.
- Biologische Plausibilität (Plausibility): Der Zusammenhang lässt sich durch bekannte biologische oder physiologische Mechanismen erklären.
- Kohärenz (Coherence): Die Kausalhypothese steht nicht im Widerspruch zum bekannten naturwissenschaftlichen und medizinischen Wissensstand.
- Experimentelle Evidenz (Experiment): Die Unterbrechung oder Beseitigung der Exposition führt zu einer Verringerung des Risikos (oder tierexperimentelle Belege stützen die Hypothese).
- Analogie (Analogy): Ähnliche Ursachen rufen ähnliche Wirkungen hervor, sodass bekannte Mechanismen übertragen werden können.
2. Die Susser-Kriterien (Mervyn Susser)
Der Epidemiologe Mervyn Susser (u. a. Autor des Standardwerks Causal Thinking in the Health Sciences, 1973) hat diese Überlegungen strukturiert und erweitert, um die methodische Beweisführung bei komplexen Ursache-Wirkungs-Gefügen (wie Umwelt- und Public-Health-Faktoren) zu schärfen. Susser unterschied insbesondere:
- Assoziation und Wahrscheinlichkeit: Die statistische Grundlage und Basis für die Prüfung.
- Zeitliche Ordnung (Time Order): Die strenge Forderung, dass die Exposition vor dem Einsetzen der Symptome messbar stattgefunden haben muss.
- Richtung (Direction): Die eindeutige Kausalrichtung von der Ursache zur Wirkung (um Rückkopplungen oder Verwechslungen mit anderen Variablen auszuschließen).
- Kategorisierung in Gruppen: Susser fasste die Argumente in fünf Hauptkategorien zusammen:
- Stärke (strength),
- Spezifität (specificity – sowohl bezüglich der Ursache als auch des Effekts),
- Konsistenz (consistency / Replikteilbarkeit),
- Vorhersagbarkeit (predictive performance) und
- Kohärenz bzw. Plausibilität (coherence / biological plausibility).
Bradford-Hill-Kriterien:
Quelle: Hill, A. B. (1965). The Environment and Disease: Association or Causation? Proceedings of the Royal Society of Medicine, 58(5), 295–300. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
Susser-Erweiterungen:
« Back to Glossary IndexQuelle: Susser, M. (1973). Causal Thinking in the Health Sciences: Concepts and Strategies in Epidemiology. Oxford University Press. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov



